Bei einer außerordentlichen Plenarsitzung anlässlich des vierten Jahrestages des groß angelegten Einmarschs Russlands sagte die Präsidentin des Europäischen Parlaments, Roberta Metsola: „Vier Jahre später hat das Europäische Parlament die Ukraine nicht im Stich gelassen. Denn wir wissen, dass, wenn wir zusammenstehen, die Ukraine und Europa stark sind. Die Sicherheit der Ukraine ist die Sicherheit Europas, die Freiheit der Ukraine ist die Freiheit Europas und die Zukunft der Ukraine liegt in Europa.“ Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj wandte sich per Video aus Kiew an das Parlament und dankte für die anhaltende Unterstützung. Er betonte: „Wir spüren wirklich, dass vielen Europäern nicht egal ist, was mit der Ukraine geschehen wird (...) wir haben diesen Krieg nie gewählt, wir haben ihn nicht provoziert und wir tun alles, was wir können, um ihn zu stoppen.“ Selenskyj hob hervor, dass Wladimir Putin und die Führung in Moskau eine aggressive Bedrohung für Nachbarstaaten und für Europa darstellen und dass Putin unfähig sei zu akzeptieren, „dass Menschen anders leben können und ein Leben genießen, das nicht das ist, das er bevorzugt“. Er forderte glaubwürdige Sicherheitsgarantien für die Ukraine, um ein Weiterdringen Russlands in Europa zu verhindern. Der ukrainische Präsident betonte zudem die Bedeutung der transatlantischen Einheit und der Zusammenarbeit und dankte allen, die daran arbeiteten, diese Verbindung zu erhalten. Weiterhin unterstrich er die Wichtigkeit der Umsetzung des 90 Milliarden Euro-Kredits der EU für die Ukraine und forderte, der Ukraine ein klares Datum für den EU-Beitritt zu geben, da ohne ein solches Datum nach seiner Darstellung Russland Jahrzehnte lang blockieren könnte. Selenskyj rief zu starken Sanktionen auf, forderte ein Ende der europäischen Abhängigkeit von russischer Energie, das Ausschließen russischer Banken aus Europa, Maßnahmen gegen Umgehungen von Sanktionen und die sogenannte Schattenflotte Moskaus sowie ein Einreiseverbot in Europa für russische Kriegsverbrecher. In einer von den Abgeordneten nach der Rede Selenskyjs und der anschließenden Debatte verabschiedeten Entschließung verurteilt das Parlament Russlands illegalen und ungerechtfertigten Angriffskrieg gegen die Ukraine als eklatante Verletzung des Völkerrechts und der Charta der Vereinten Nationen. Die Abgeordneten machen Russland, seine Führung und das Regime in Belarus – von wo aus Angriffe gegen die Ukraine gestartet wurden – voll verantwortlich für den Krieg, Kriegsverbrechen und das Verbrechen der Aggression, und verurteilen außerdem die Beteiligung der Regime des Iran und Nordkoreas. Das Parlament fordert, dass Russland sofort seine militärischen Aktionen einstellt, sich aus allen international anerkannten ukrainischen Gebieten zurückzieht, festgehaltene und deportierte Zivilpersonen (einschließlich Kinder) freilässt und seine Verletzung der Unabhängigkeit, Souveränität und territorialen Integrität der Ukraine beendet. Die Abgeordneten bekräftigen außerdem, dass sie keine besetzten ukrainischen Gebiete als russisch anerkennen werden. Das Parlament bekräftigt, dass die Zukunft der Ukraine in der EU liege, und empfiehlt, die Integration der Ukraine in den Binnenmarkt zu beschleunigen sowie die inneren institutionellen Vorbereitungen der EU auf künftige Erweiterungen zu verstärken. Weiterhin fordert es die EU und ihre Mitgliedstaaten auf, mehr Verantwortung für die europäische Sicherheit zu übernehmen und die militärische, politische und diplomatische Unterstützung für die Ukraine zu erhöhen. Die Entschließung verlangt, dass ein zukünftiges Friedensabkommen zwischen Ukraine und Russland durch robuste und glaubwürdige Sicherheitsgarantien abgesichert wird, die mit dem Artikel 5 des NATO-Vertrages und dem Artikel 42 Absatz 7 des Vertrags über die Europäische Union (EUV) vergleichbar sind. Ein solches Abkommen müsse das Völkerrecht respektieren, Mechanismen der Verantwortlichkeit und Reparationen enthalten sowie das Recht der Ukraine auf Selbstverteidigung und Bündniswahl uneingeschränkt lassen. Das Parlament begrüßt neue multilaterale Sicherheitsinitiativen, darunter einen vorgeschlagenen „reassurance force“ der westlichen Verbündeten der Ukraine, äußert jedoch Besorgnis, dass solche Garantien erst nach einem vereinbarten Waffenstillstand wirksam würden. Es äußert zudem Bedenken gegenüber der aktuellen US-Strategie in den Friedensverhandlungen, da Washington scheinbar kurzfristiges Abschließen von Abkommen und Erhalt „strategischer Stabilität“ mit Russland über eine umfassende, gerechte und dauerhafte, auf dem Völkerrecht beruhende Lösung stelle. Das Parlament fordert zudem eine weitere Entkopplung der EU von russischer Energie und verlangt verstärkte Sanktionen gegen Russland. Es begrüßt Bestrebungen, russisches Gas und Öl auslaufen zu lassen, fordert aber eine weitergehende Eliminierung weiterer russischer Energiequellen, darunter: Öl und alle Erdölprodukte Uran, angereichertes Uran sowie nukleare Brennstoffe und Dienstleistungen die endgültige Stilllegung der Nord Stream-Pipelines Das Parlament verurteilt außerdem die Deportation ukrainischer Kinder nach Russland und unterstützt internationale Bemühungen zu deren Rückführung. Es fordert erweiterte Sanktionen gegen russische Institutionen und Verantwortliche, die an Kriegsverbrechen beteiligt sind, strengere Durchsetzung gegen Sanktionsumgehungen, Schengen-Einreiseverbote für an dem Krieg beteiligte russische Militärangehörige und die Einstufung der Wagner-Gruppe und ihrer Nachfolgeorganisationen als terroristische Organisationen. Die Entschließung wurde mit 437 Stimmen dafür, 82 dagegen und 70 Enthaltungen angenommen.